88vier: Gemeinsamer Antrag für Community Radio in Berlin-Brandenburg

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Am 4. Februar 2014 endete die Antragsfrist für die erneute Ausschreibung der Frequenzen 88,4/90,7 MHz der Medienanstalt Berlin Brandenburg (mabb), auf denen wir aktuell senden. Ergebnisse sind nach der Medienratssitzung am 25. März 2014 zu erwarten, vielleicht auch schon nach der heutigen Medienratssitzung? Wir haben uns erneut beworben, eine Bestandsaufnahme unternommen und einige Optimierungen vorgeschlagen, die im Folgenden hier angeführt werden.

Gemeinsamer Antrag für Community Radio in Berlin-Brandenburg

Dies ist der Antrag von 4 Radiostudios, 150 Redaktionen, 300 Sendemachenden und Tausenden Hörer/innen, vertreten durch Colaboradio, Frrapo, Pi Radio und Studio Ansage.

Wir beantragen einen von der „88vier“ unabhängigen Community-Radio-Bereich auf 88,4/90,7 MHz von Montag bis Sonntag, also täglich von 16:00 Uhr bis zum nächsten Morgen 6:00 Uhr im wöchentlichen Turnus. Die Anträge der genannten Teilnehmer liegen gesondert bei.

Im folgenden nehmen wir eine kritische Bestandsaufnahme von vier Jahren „88vier“ vor, erörtern Optionen und Alternativen und gehen schließlich auf die Leistungen des Community-Radio-Bereichs ein.

I. Vier Jahre „88vier“ - eine Bestandsaufnahme

Positiv anzumerken sind:

  1. UKW. Dass seit 2010 neben Offenem Kanal ALEX auch andere nichtkommerzielle Radioformen auf UKW senden können, stellt eine wichtige Ergänzung zur öffentlich-rechtlich oder privatwirtschaftlich geprägten Radiolandschaft dar. Die 90,7 MHz ist seit 2014 auch in Potsdam zu empfangen.
  2. Erprobung. Die „88vier“ hat den Veranstaltern die Möglichkeit gegeben, nichtkommerzielle Radioalternativen unter Beweis zu stellen. Der Community-Radio-Bereich konnte technische und redaktionelle Infrastrukturen ausbauen sowie überregionale Zusammenarbeit mit anderen Radios, Plattformen und Verbänden vorantreiben.
  3. Kontinuität. Im Gegensatz zu temporären Radioprojekten ermöglicht „88vier“ kontinuierliches Senden, wodurch Hörerbindung und Planungssicherheit erleichtert wurden.
  4. Gemeinschaft. Der 2012 zugelassene Community-Radio-Bereich auf „88vier“ ermöglicht seinen vier Teilnehmern Partnerschaft, Teilung von Ressourcen, Austausch von Sendezeiten und die Umsetzung gemeinsamer Projekte.

Erschwerend auf unsere Arbeit wirken sich aus:

  1. Empfangbarkeit. Die Hauptfrequenz 88,4 MHz ist in der Nordhälfte Berlins, in der sich die Sendestudios von Colaboradio und Pi Radio befinden, nicht oder kaum zu empfangen. Die für Community Media notwendige Kommunikation zwischen Hörenden und Sendenden wird dadurch erheblich erschwert.
  2. Attraktivität. Die „88vier“ wird von der mabb als einheitliches Gesamtprogramm (Sender „88vier“) vermarktet. Da weder seitens Veranstaltern noch Hörer/innen eine Identifikation mit „88vier“ besteht, bewirkt die 88vier-Gesamtkonzeption das Gegenteil ihres Anspruchs, attraktiver Bestandteil der Rundfunklandschaft sein zu wollen.
  3. Konkurrenz. Die einzelnen 88vier-Veranstalter haben eines gemeinsam: ihre Konkurrenz. Diese macht eine übergreifende Zusammenarbeit unmöglich. Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund stellte die 88vier-Koordination bereits vor zwei Jahren gemeinsame „Redaktionstreffen“ ein. Darüberhinaus behindert die Konkurrenzsituation diejenigen Veranstalter, die sich nichtkommerziell für gesellschaftliche Teilhabe und gesteigerte Medienkompetenz einsetzen.
  4. Anspruch. Kommerzielle Motivationen laufen ins Leere, da Radiowerbung verboten ist. Die im Beinamen „Kreatives Radio für Berlin“ versprochene Kreativität wird nur bedingt eingelöst. Die „Marke“ 88vier erzeugt eher das Gegenteil von Werbewirksamkeit. Auf „88vier“ lässt sich kein Geld machen, aber auch kein Freies Radio.
  5. Ungleichheit. Aufgrund fehlender gesetzlicher Bestimmungen im MStV werden 88vier-Veranstalter nach ungleichen Kriterien berücksichtigt. Obwohl sie alle Teil der Gesamtkonzeption sind, erhält der Offene Kanal ALEX, unabhängig von der Anzahl seiner Sendemachenden, die meiste Sendezeit und als einziger eine Finanzierung der mabb.
  6. Zugangsoffenheit. Die „88vier“ wird nach dem Prinzip eines Offenen Kanals strukturiert und von der mabb verwaltet. Interessierte Bürger/innen können sich nicht ohne weiteres an ihr beteiligen, da in erheblichem Maße Sendezeiten an externe Veranstalter vergeben werden, die wiederum nicht der Zugangsoffenheit verpflichtet sind. So entspricht die 88vier einem Offenem Kanal ohne chancengleichen Zugang.
  7. Dienstleistung. Die 88vier-Gesamtkonzeption reduziert Veranstalter zu kostenlosen Dienstleistern des Offenen Kanals. Die mabb finanziert nur 88vier-Posten, die für den Offenen Kanal ALEX ohnehin benötigt werden: Sender, Leitungskosten, GEMA. Die für uns notwendige technische Sendeumschaltung in der Voltastraße wird von uns selbst realisiert.
  8. Sendezeit. Neue Projekte und Ideen, Kreatives und Experimentelles, können im Community-Radio-Bereich aktuell kaum umgesetzt werden, weil alle Sendeplätze bereits belegt sind. Insofern engt uns das 88vier-Sendekonzept inhaltlich und formal ein.
  9. Handlungsbedarf. Die Existenz der „88vier“ und ihre nach außen proklamierte Vielfalt verwässern den dringend notwendigen Handlungsbedarf, das Mediengesetz Berlin-Brandenburgs im Hinblick auf Förderung von Formen nichtkommerziellen Rundfunks anzupassen.

Fazit:

Vier Jahre „88vier-Erprobung“ zeigen Potenziale auf, machen aber deutlich, dass die „88vier“ als Dauerzustand zunehmend das Gegenteil ihres ursprünglichen Anspruchs bewirkt. Statt Kreativität und Vielfalt zu fördern, führt die Gesamtkonzeption „88vier“ zu Stillstand und Desinteresse. Angesichts fehlender Alternativen bewerben wir uns weiterhin um Sendeplätze, möchten allerdings konstruktive Vorschläge zu Optionen und Alternativen einbringen.

II. Optionen und Alternativen

Grundsätzlich bitten wir den Medienrat, in Anlehnung an EU-Vorgaben, die Berlin-Brandenburger Politik zu einer Änderung des Medienstaatsvertrages hinsichtlich Förderung von Community Media zu bewegen.

Der gegenwärtige Medienstaatsvertrag Berlin-Brandenburgs ließe folgende Alternativen zu, die wir Sie zu prüfen bitten:

  1. Um Community Media nicht weiter der Konkurrenz kommerzieller oder gebührenfinanzierter Radiomodelle auf 88vier auszusetzen, schlagen wir vor, dem Community-Radio-Bereich die Berliner Frequenz 99,1 MHz zur Nutzung zu überlassen: als "Erprobung neuer Sendeformen" mit einem anerkannten nichtkommerziellen Status. An diesem Punkt wäre eine weitere technische Kooperation mit dem Berliner freifunk.net (redaktionell bei Colaboradio beteiligt) denkbar. Ein entsprechendes Nutzungskonzept, welches die Veranstaltungsfunkfrequenz auch weiterhin für andere Veranstalter zugänglich lässt, wurde in Vergangenheit bereits praktiziert (Kaufradio 2002). Eine Kooperation mit der 88vier wäre indes auch weiterhin wichtig, vor allem was das Potsdamer Radio Frrapo und die 90,7 MHz anbelangt. Dass wir in der Lage sind, ein 24/7-Programm technisch bis inhaltlich eigenständig zu bewerkstelligen, konnten wir bei diversen Veranstaltungsfunks der Vergangenheit beweisen.
  2. Sollte die Nutzung der 99,1 MHz nicht in Frage kommen, bitten wir den Medienrat um einen von der „88vier“ unabhängigen Community-Radio-Bereich auf 88,4/90,7 MHz. Die Finanzierung der Frequenzen 88,4/90,7 MHz als nichtkommerzielle "Erprobung neuer Sendeformen" erfordert keine einheitliche Gesamtkonzeption im Rahmen von "88vier". Wie oben beschrieben behindert uns diese Gesamtkonzeption, weshalb wir auf sie, einschließlich 88vier-Kennung, 88vier-Koordination, 88vier.net und 88vier-Jingles verzichten möchten; rechtliche Auflagen können direkt in die Sendeerlaubnis aufgenommen werden. Damit können auf allen Seiten Kosten eingespart werden.
  3. Sollte ein 88vier-unabhängiger Community-Radio-Bereich ebenfalls nicht umzusetzen sein, bitten wir als dann weiterhin agierender Dienstleister der 88vier-Gesamtkonzeption um eine angemessene Finanzierung gleichwertig zur Radioabteilung des Offenen Kanals. Diesbezüglich hatte der Community-Radio-Bereich bereits eine Anfrage (1. Oktober 2013) an den Medienrat gestellt, zu der seitens mabb eine offizielle Antwort noch aussteht.

III. Community-Radio-Bereich

Der Community-Radio-Bereich verfügt über nachhaltige Strukturen und einen Unterstützerkreis von mehreren Tausend Personen. Wir sind weit im In- und Ausland vernetzt sowie Mitglied im Bundesverband Freier Radios (BFR) und im Community Media Forum Europe (CMFE).

Der Community-Radio-Bereich ermöglicht eine flexible Sendezeitenverteilung. Er soll unseren Sendemachenden Attraktivität bieten und gemeinsame Projekt- und Öffentlichkeitsarbeit erleichtern. Deshalb bitten wir, die Attraktivität des Community-Radio-Bereichs insofern zu gewährleisten, als dieser nicht mehr unter die 88vier-Gesamtkonzeption fällt, sondern lediglich Teil der "Erprobung neuer Sendeformen" ist.

Wir stehen der Idee offen, auch andere Bewerber in diesen Bereich zu integrieren, sofern ihre Ausrichtung der Charta Freier Radios (veröffentlicht vom BFR) entspricht; diese charakterisiert sich durch Zugangsoffenheit, Gemeinnützigkeit, Transparenz, Nichtkommerzialität, Partizipation und Mitbestimmung, Offenheit für Minderheitenthemen und -formate sowie ein hohes Maß an freiwilligem bürgerschaftlichen Engagement.

Bei einer paritätischen Verteilung der Sendezeiten sollte das Vielfaltsgebot unseres Erachtens dahingehend interpretiert werden, dass nicht die Anzahl der Bewerber maßgeblich ist, sondern die Anzahl der von ihnen vertretenen Redaktionen. Die Antragsteller haben auf 88,4/90,7 MHz den mit Abstand höchsten Zulauf an Sendemachenden, nicht zuletzt, weil sie sich dem Kriterium der Zugangsoffenheit verpflichten.

Die Mediengesetzgebung der Länder Berlin und Brandenburg sieht eine Finanzierung von Community Media nicht explizit vor. Dies sollte den Medienrat allerdings nicht davon abhalten, Community Media zumindest eine Alternative unabhängig vom 88vier-Sendekonzept zu bieten, und in Bezug auf Sendezeiten angemessen zu berücksichtigen, um damit den Vorgaben von EU-Rat (11. Februar 2009) und EU-Parlament (25. September 2008) zur Stärkung des Dritten Rundfunksektors nachzukommen.

Berlin, 1. Februar 2014
CoLaboRadIO, FrRaPo, Pi Radio und Studio Ansage

Kommentare

Werden die Gewinner hiervon

88vier Zeit bekommen

Theoretisch war für die MIZ mal nen Slot auf der 88vier reserviert. Da da aber aus der Ecke nie ein Programm kam wurde der nie genutzt. Ich denke mal das das sogenannte Couch FM (MABB-Studentenradio) aus dem Umfeld kommt.

Ich gehe mal davon aus das es sich auch eher um temporäres 3x1h Programm handeln wird, die man auch mal schnell beim Offenen Kanal durchlaufen lassen kann. Die scheinen, meinem Eindruck nach, ja manchmal ihre Sendezeiten nicht voll zubekommen.

2 Programme via DAB+

Ihr seid sicher mehrheitlich UKW-Freaks, aber die Lösung bezüglich mangelnder Sendezeiten und Empfang wären 2 nichtkommerzielle Programme über Digitalradio, das ist auch technisch zukunftssicher. Also ein Programm mit Zeitvergabe nach festen Regularien wie bei OKB/88vier und ein selbstverwaltetes NKL-Community-Radio. Die untaugliche UKW-Frequenz könnte nach einer kurzen Übergangszeit abgeschaltet werden. Überhaupt sollte die MABB keine UKW-Frequenzen mehr verlängern bzw. auf ein allgemeines Abschaltdatum hin wirken.

Kurzer Einwurf

Bundesweiter DABplus-Multiplex steht in bisheriger Form (vielleicht) vor dem Aus

http://www.radioforen.de/index.php?threads/bundesweiter-dabplus-multiple...

zum Einlesen.

Wiedervorlage

Ansonsten hat sich an nach Jahren nix geändert:

https://piradio.de/news/2011-05-25-pi-radio-das-zweite-jahr#comment-276

so mal als Nachtrag.

P.S. "Dass beim

P.S. "Dass beim digital-terrestrischen Hörfunk noch nicht alles rund läuft, zeigen auch die Zahlen der Gesellschaft für Unterhaltungs- und Kommunikations­technologie (gfu). Demnach sind 2013 nur 515 000 Digital­radio-Empfänger über den Laden­tisch gegangen. Die Prognose sah für das vergangene Jahr ursprünglich 650 000 Geräte vor. "

http://www.teltarif.de/dab-plus-kef-ard-deutschlandradio-ukw-ausstieg/ne... - Nachricht vom 27.2.2014

"Der Berliner Sender KissFM hat seinen Ausstieg aus dem Digital­radio-Multiplex für den 31. März 2014 an­ge­kündigt. "Wir stellen fest, dass sich DAB+ nicht richtig durch­gesetzt hat und weit mehr Menschen unser Pro­gramm über Apps und Computer hören. Deswegen setzen wir in Zukunft voll auf diesen Über­tragungs­weg."" (28.2.2014)

http://www.teltarif.de/internet-dab-dabplus-radio-kissfm-ausstieg/news/5...

Tja, wenigstens ist die "Stimme Russlands" noch dabei, wenn auch unter den Namen "Radio Impala" versteckt.
http://www.radioeins.de/programm/sendungen/medienmagazin/radio_news/beit...
http://de.wikipedia.org/wiki/Radio_Impala

schrott

Solln wir uns dann alle den proprietären dab-schrott kaufen? Super Idee.

Hm, es gibt verschiedene

Hm, es gibt verschiedene Gründe, die gegen DAB/DAB+ sprechen. Der Hauptgrund wäre wohl, dass die Verbreitung von DAB-Geräte erstaunlich gering ist. Wenn man *für* DAB ausspricht, könnte man sich genauso gut mit den zwei Funzeln, die vom Medienrat über UKW zur Verfügung gestellt werden, mehr als zufrieden geben, denn die Anzahl der möglicher EmpfängerInnen per UKW auf 88,4 und 90,7 vermutlich das Tausendfach dessen, die im Raum Berlin einen DAB-Empfänger besitzen, lautet.

Ansonsten, wenn man ein freies Radio in Berlin will, und auch eine Finanzierung aus der "GEZ"-Mittel verlangt, muß man davon ausgehen, daß daraus die Sender- bzw. Verbreitungskosten auch finanziert werden (müssen). Einen "Slot" im DAB-Paket für ganz Berlin und Brandenburg wäre vermutlich teuerer als ein UKW-Sender für "relevante" Teile Berlins.

Aber eigentlich, siehe Punkt 1. DAB ist tot und war nie lebendig. Eine Änderung in der Hinsicht ist nicht absehbar.

Gibt es keine freie

Gibt es keine freie Radiomenschen, die sich hierauf bewerben wollen? Zeit bis morgen habt ihr noch, weniger Kompetent als der bisheriger Inhaber könntet ihr sicher nicht sein, oder?

http://www.mabb.de/files/content/document/Stellenausschreibungen/mabb_Au...